Playlist: Oscar-Preisträger „Colette“

Kurzfilmempfehlungen / Film online

Letzte Woche wurde bei der 93. Verleihung der Academy Awards ein Kurzfilm mit einem ‚Oscar‘ ausgezeichnet, der wirklich sehenswert ist. Der 24-minütige Dokumentarfilm „Colette“ begleitet die ehemalige Widerstandskämpferin Colette Marin-Catherine und die Geschichtsstudentin Lucie Fouble in die heutige Gedenkstätte Mittelbau-Dora (Nordhausen), wo 1945 Colettes Bruder als Zwangsarbeiter ums Leben kam.

Die Filmemacher Anthony Giacchino und Alice Doyard verbinden die gemeinsame Reise auf bewegende Weise mit der Darstellung persönlich-biografischer und historischer Elemente. Dokumentarisch überzeugt der Film auch durch seine respektvolle Haltung. Sie vereinbarten mit Colette Marin-Catherin die Kontrolle über die Aufnahmen, und, dass sie den Dreh jederzeit abbrechen kann.

Der Film wurde in den USA in Auftrag gegeben (s.u.) und ist eine französisch-britische Koproduktion. Die Streaming-Rechte liegen bei der britischen Tageszeitung The Guardian, die „Colette“ in ihrer Online-Dokumentarfilmreihe veröffentlicht hat:

„Colette“ von Anthony Giacchino (Regie), Alice Doyard (Prod.), USA 2019, 24 Min.; a film by Time Travel Unlimited; presented by Respawn Entertainment, Oculus Studios; released by The Guardian

Hintergrund

Dieser Film ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich: Wegen teilweise obskurem Reglement und Abstimmungsverfahren der Academy gelingt es nur wenigen auszeichnungswürdigen Kurzfilmen in die nähere Auswahl der Academy zu kommen. Nur selten gewinnen unabhängige Produktionen. Obwohl er so aussieht, ist auch „Colette“ keine Independent-Produktion. Er entstand bereits 2019 und konnte nur nominiert werden, weil er erst 2020 auf dem vergleichsweise kleinen, aber Academy-qualifizierenden Big Sky Film Festival in den Bergen von Montana einen Preis erhielt und, weil er 2020 eine Kinoerstaufführung hatte – in dem kleinen Filmsaal des gemeinnützigen Maysles Documentary Center in Harlem, New York.

Entstanden ist der Film auch nicht für das Kino, sondern als dokumentarisches Element in dem VR-Game „Medal of Honor“ auf der Oculus-Plattform. Das Ego-Shooter-Spiel über den Zweiten Weltkrieg wurde von dem Branchenriesen Electronic Arts in Zusammenarbeit mit Facebook entwickelt. Es ist das erste Mal, dass Facebook und ein Spieleentwickler einen Oscar erhalten.

Nicht weniger erstaunlich ist aber wie der Film überhaupt zustande kam. 2018 trafen Anthony Giacchino und Alice Doyard bei der Recherche für einen Film über amerikanische Weltkriegsveteranen in der Normandie auf Colette Marin-Catherine. Bei einer anderen Recherche begegneten sie der damals 17jährige Geschichtsstudentin Lucie Fouble, die für ein Museum die Geschichte der französischen Deportierten in Dora recherchierte. Die Filmemacher brachten die Beiden, die sich auf Anhieb gut verstanden, zusammen und Lucie Fouble überzeugte Colette den Film für die jüngere Generation zu machen und die Reise zu unternehmen, obwohl sie 70 Jahre lang nicht nach Deutschland reisen wollte.

Weitere informationen:
Maysles Documentary Center mit Link auf eine Diskussion mit den Protagonisten
Ebenso: Diskussion moderiert von Michael Moore auf YouTube