Struktureller Film – „The Flicker“ von Tony Conrad

Einführung – Tony Conrad

Tony Conrad im Harvard Film Archive

Tony Conrad (Anthony Schmalz Conrad, 1940-2016) studierte in Harvard Physiologie des Nervensystems, arbeitete als Programmierer und ist Experimentalfilmmacher, Musiker, Komponist, Videokünstler und Lehrer. Zusammen mit John Cale, La Monte Young und anderen gründete er in den sechziger Jahren die Theater of Eternal Music Company, die nicht-westliche Musikelemente und elektronischen Sound in sogenannte Dream Music verwandelte. Der bekannteste Film von Tony Conrad ist The Flicker (1966). Der Titel wurde zu einem umgangsprachlichen Pseudonym für abstrakte strukturelle Filme („Flicker-Filme“). Tony Conrad selbst ordnete seinen Film der Op-Art und der psychedelischen Bewegung zu.


„The Flicker“ von Tony Conrad

The Flicker, Tony Conrad, USA 1965-1966, 30 Min.

The Flicker ist ein Film ohne (Ab-)Bilder. Er besteht aus einer Serie von schwarzen und weißen Bildkadern, die in unterschiedlicher Dichte rhythmisch an- und abschwellend aufeinander folgen. Dem entspricht auf der Tonspur ein elektronisch erzeugtes Geräusch, das an einen Flugzeugmotor erinnert („drone music“). Bei der Projektion fallen pro Sekunde zwischen 4 und 24 Lichtblitze auf die Leinwand, so dass der Film einen stroboskopischen Effekt erzeugt.

The Flicker ist ein Film, der weniger das Sehen, als die Retina stimuliert. Tony Conrad zeigt mit ihm, dass Film – jenseits des Abbildungscharakters – eine physiologische Grundlage hat, die ebenfalls emotionale Wirkungen erzeugt. Diese Erkenntnisse wurden später von der Werbefilmindustrie mit Flash-Spots aufgegriffen und unter anderem in Spielfilmen, wie etwa in Pokemon (Japan 1999), zur Beeinflussung der Zuschauer angewandt.

Die vorsätzliche Strapazierung von Netzhaut und Nervensystem bewirkt eine endlose Varietät von immer anderen Formen, Mustern und merkwürdigerweise Farben, deren Beschaffenheit von einem Zuschauer zum andern verschieden ist (…) Dieser „reine“ Film befasst sich mit der Wahrnehmung selbst; seine halluzinierende Wirkung fördert – trotz des Fehlens von Bildern, Inhalt oder Bedeutung – eine unvermutete Übereinstimmung mit tiefsitzenden emotionellen Bedürfnissen zutage.

Vogel, Amos: Film als subversive Kunst, Hannibal-Verlag, St. Andrä-Wordern 1997

„The Flicker“, Einbettung von archive.org (Community Video); 15:36:35 Min.

Anmerkung: Die oben beschriebenen Wirkungen entstehen ausschließlich bei der Projektion auf einer Kinoleinwand.